
Die weiß-rote Cessna 172, die an diesem Juninachmittag bei Varel über den Jadebusen Richtung Wattenmeer fliegt, ist auf einer besonderen Mission: "Ich melde uns an zum Seehundezählen im Jadebusen", funkt der Pilot an die Kontrollstation am Boden. Dann dauert es nur wenige Augenblicke, schon ist die erste Gruppe Seehunde auf einer Sandbank zu erkennen: Mehrere kleine gräuliche und braune Flecken liegen auf dem Sand – und ab und zu noch kleinere dazu, es sind neugeborene Seehundwelpen.
Wissenschaftler Ole Stejskal, der neben dem Piloten in der Maschine sitzt, zählt die Tiere aus gut 150 Metern Höhe und macht sich eine Notiz auf einer Karte in seinem Tablet. "Alles klar, 16/2. Die haben wir", sagt der Seehundzähler zu seinem Piloten über Funk, der daraufhin mit seiner Maschine zu einer Kurve ansetzt und abdreht. Die Zahl 16 steht für die gezählten Alttiere, zwei sind Jungtiere. Sandbank für Sandbank fliegen die beiden so der Reihe nach ab.
Seehunde sind geschützte Art
Jeden Sommer werden die Seehunde im Wattenmeer zwischen Den Helder in den Niederlanden und Esbjerg in Dänemark nahezu zeitgleich aus der Luft gezählt. So soll möglichst zuverlässig untersucht werden, ob und wie sich der Bestand der Tiere verändert. Das passiert bei Ebbe, denn dann sammeln sich Seehunde auf Sandbänken, um ihre Jungen zu säugen oder um sich zu sonnen.
Jetzt im Frühsommer ist die Wurfzeit. Aus der Luft erkennt Stejskal auf einer Sandbank rötlich verfärbten Sand um einem Seehund. "Das sah nach einer Geburt aus", sagt er. "Das sieht man nicht jedes Mal, das ist ein Highlight."
Die Propellermaschine, die an diesem Tag vom Flugplatz in Westerstede bei Oldenburg zu dem Zählflug aufgebrochen ist, kreist über das niedersächsische Wattenmeer vom Jadebusen bis Cuxhaven und über den hamburgischen Teil vor Neuwerk. Die Route führt von Westen nach Osten. Das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) organisiert die Flüge. Insgesamt stehen bis August zehn Zählflüge an.
Seehunde stehen im Wattenmeer unter Schutz. Durch Jagd schrumpften die Bestände bis in die 1970er Jahre deutlich. Zudem gab es immer wieder Rückschläge durch Seuchen, wie die Seehundstaupe 1988. Die Wattenmeer-Anrainer unterzeichneten daraufhin 1990 ein Abkommen über den Erhalt der Meeressäuger. Es bildet heute die Grundlage für die Zählungen.
Warum Seehunde-Zählen Teamwork ist
"Den Priel parallel links zu uns, den müssen wir wieder rausfliegen", weist Stejskal den Piloten auf den Wasserlauf hin. Um die Tiere zählen zu können, sind genaue Absprachen und Flugmanöver nötig. Je weiter die Maschine von einer Sandbank wegfliege, desto schwieriger seien die Seehunde zu zählen – fliege die Maschine zu dicht oder gar über die Sandbank, seien die Seehunde kaum zu sehen, erklärt Stejskal, der die Zählflüge auch koordiniert.
Kleinere Gruppen zählt der Wissenschaftler durch, bei größeren Ansammlungen macht er Aufnahmen mit einer Fotokamera, die dann später am Computer ausgewertet werden. Pro Flug entstehen so rund 800 Fotos. Manchmal mischen sich auch Kegelrobben unter die Seehunde – die werden nicht mitgezählt. Sie sind etwas größer als Seehunde und lägen dichter beisammen, erklärt Stejskal.
Wie viele Seehunde tatsächlich zu sehen sind, hänge von vielen Einflussfaktoren ab, sagt der Wissenschaftler – insbesondere vom Wetter und den Wasserständen. "Es ist Arbeiten mit der Natur." Es wird angenommen, das etwa ein Drittel der Tiere während der Zählungen im Wasser ist.
Eine Schleife nach der anderen dreht das Kleinflugzeug über der Nordsee, eine Sandbank folgt auf die nächste. Stejskal muss die Orientierung behalten, gibt Kommandos an den Piloten, routiniert hält er Ausschau nach Tieren, zählt, fotografiert und notiert. Seehundzähler müssen offenbar Multitasking-Talente sein. "Es ist super anstrengend", gibt Stejskal zu.
In der Regel werden die Laves-Wissenschaftler von Wattenjagdaufsehern, also Jägern, die die Zählung ehrenamtlich unterstützen, begleitet. Dann teilen sie sich etwa das Zählen von Alt- und Jungtieren auf. Da heute ein Reporter mitfliegt, ist Stejskal auf sich allein gestellt. Bis in die 1970er Jahre hätten Wattenjagdaufseher die Seehunde noch von Schiffen aus gezählt, erzählt Stejskal. Doch bei der Weite des Wattenmeeres ließen sich die Tiere am besten aus der Luft erfassen.
Zählungen in Schleswig-Holstein
Auch im Wattenmeer vor Schleswig-Holstein laufen die Zählflüge – drei jetzt zur Wurfzeit bis Ende Juni, und zwei zur Haarwechselzeit im August. Während die ersten Flüge vor allem dazu dienen, die Bestandsvermehrung festzustellen, helfen die Zählungen zum Fellwechsel, die Gesamtpopulation zu erfassen, erklärt Armin Jeß von der schleswig-holsteinischen Nationalparkverwaltung. "Denn zur Haarwechselzeit im August liegen die Tiere sehr gerne auf den Sandbänken und brauchen sehr viel Sonnenlicht für den Haarwechsel." Nach den Flügen setzen sich die Experten zusammen. Die offiziellen Bestandszahlen werden dann einige Monate nach den Flügen veröffentlicht.
Man könne die Bestände ganz gut erfassen, sagt Jeß. "Aber man muss auch ehrlich sein, wir zählen die Tiere, aber wir sind uns auch bewusst, dass ein großer Teil der Tiere vermutlich nicht vor Ort ist bei den Haarwechselzählungen. Aber das ist ja bei jedem Monitoring so." Man wisse, dass man keine hundertprozentige Erfassung hat, aber man könne Trends erkennen.
Auch tote Tiere werden untersucht
Das bekräftigt auch Laves-Wissenschaftler Ole Stejskal. Er weist auch darauf hin, dass das Zählen der lebenden Seehunde nur ein Teil des Monitorings ist. "Wir versuchen, einen großen Blick auf den Seehund zu erfassen", erklärt er. Deshalb würden in der Pathologie des Laves jedes Jahr auch rund 50 tote Meeressäuger untersucht – der Großteil davon seien Seehunde.
Experten schauen dann nach Verletzungen oder Parasiten. "Der Seehund steht an der Spitze der Nahrungspyramide", sagt Stejskal. So sei die Art auch ein guter Indikator, um zu bewerten, wie es dem Wattenmeer insgesamt gehe.
Seit der letzten Staupe 2022 haben sich die Seehundbestände insgesamt erholt. Für das gesamte Wattenmeer beobachteten Wissenschaftler 2025 einen leichten Anstieg des Bestandes im Vergleich zum Vorjahr. Demnach wurden 23.954 Seehunde gezählt. Die Zahl blieb jedoch nach Angaben des Wattenmeersekretariats unter den Werten der Jahre 2012 bis 2021. Experten besorgt, dass vor allem Jungtiere verschwinden.
"Wir hatten in den letzten Jahren immer relativ viele Geburten, aber die Bestände sind nicht dementsprechend gewachsen", sagt Armin Jeß von der Nationalparkverwaltung. Warum das so ist, sei noch unklar.
"Coole Momente da oben"
Nach rund drei Stunden kehrt die Propellermaschine von ihrem Zählflug zurück – fast 500 Kilometer liegen hinter Piloten und Seehundzähler. Stejskal ist zufrieden. "Das war ein richtig guter Start", sagt er. Viele Seehunde habe er zählen können. Allerdings seien noch nicht allzu viele Jungtiere zu entdecken gewesen. Aber der Peak der Geburtensaison stehe auch erst noch bevor.
Trotz der Mühen, die die Flüge bereiten, kann Stejskal auch die Schönheit seines Arbeitsplatzes bewundern: die mäandernden Priele, die blau, grün, türkis schimmernde Nordsee, Wolken, die sich auf dem Wasser spiegeln, weiße Muschelbänke. "Ich genieße es auch", sagt der 36-Jährige. "Man hat auch immer wieder richtig coole Momente da oben", sagt er und erinnert an die Seehund-Geburt. Nächste Woche steht für ihn schon der nächste Zählflug an.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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