
Nach Ansicht des Berliner Walforschers und Meeresbiologen Fabian Ritter sollte die Aufmerksamkeit für den Buckelwal vor Poel auch für grundsätzliche Fragen zum Schutz der Meere und Wale genutzt werden. "Es ist natürlich auch eine Gelegenheit. Wir können im Moment auch den Finger in die Wunde legen und sagen, es gibt hier ein ganz, ganz massives, großes Problem", sagte Ritter der Deutschen Presse-Agentur.
Dass sich Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) seit Wochen so stark engagiere beim Buckelwal, sei gut. "Aber wir reden hier über Symptombekämpfung an einem einzelnen Tier und ich würde mir wünschen, dass wir über Ursachenbekämpfung sprechen."
Ritter verwies etwa auf Stellnetze in der Ostsee. "Die können heute in Schutzgebieten ohne Weiteres gestellt werden. Da gibt es kaum Einschränkungen. Und der zuständige Minister dafür ist Herr Backhaus." Die in der Ostsee heimischen Schweinswale kämen in solchen Netzen um.
Es darf aus Sicht Ritters nicht mehr nur um den einen Wal vor Poel gehen. "Die Diskussion geht ja um das Leid dieses einzelnen Tieres. Gleichzeitig muss uns das Leid von vielen anderen Walen auch nahegehen", sagte Ritter.
Ritter: Fokus auf Wal vor Poel psychologisch erklärbar
Es sei psychologisch erklärbar, "dass wir dieses eine Tier lieben und alles daran setzen, ihm zu helfen, und die weltweit mehreren Hunderttausend jährlich durch die Fischerei sterbenden Wale und Delfine, die sehen wir nicht. Aber das können und müssen wir ändern".
Ähnlich äußerte sich zuletzt der Direktor der Stiftung Deutsches Meeresmuseum, Burkard Baschek. Beim Rundgang mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier durch das Ozeaneum erklärte er, es gebe in der Region drei Schweinswal-Populationen: eine in der Nordsee, eine in der westlichen Ostsee und eine in der zentralen Ostsee.
Die Population in der zentralen Ostsee zähle nur noch etwa 500 Tiere. "Die sind wirklich akut vom Aussterben bedroht." Probleme bereiteten etwa die Fischerei, aber auch Lärm im Meer. Die Population sterbe möglicherweise "sehenden Auges" bei uns aus. "Wenn wir nicht ganz massiv aufpassen. Also 500 Tiere ist eine ganz kritische Zahl. Wenn es weiter runtersinkt, dann sind die eventuell nicht mehr zu retten", so Baschek.
Hoffnung, Aufmerksamkeit nutzen zu können
"Die Hoffnung ist jetzt wirklich mit dem ganzen Drama, was da vor Poel jetzt gerade auch passiert, dass wir vielleicht die Aufmerksamkeit ein Stück weit nutzen können, um Leute mit dem ganzen Herzblut, was dabei ist, auch für die Situation der Schweinswale zu mobilisieren. Weil die brauchen es wirklich akut."
Andreas Tanschus, ebenfalls Direktor der Stiftung Deutsches Meeresmuseum, erklärte, wie man den Tieren helfen könnte: "Unsere Möglichkeiten sind Schutz vor Lärm, Schutz vor der Fischerei, also Stellnetzfischerei." Auch die Reduktion des Nährstoffeintrags in die Ostsee würde helfen.
Ministerium verweist auf Einschränkungen für Fischerei
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltministerium verwies darauf, dass es sehr wohl schon Regelungen und Einschränkungen für das Aufstellen von Stellnetzen gebe. So gelte in bestimmten Schutzgebieten von Anfang November bis Ende Januar ein Verbot des Fischfangs mit Stellnetzen. In einem bestimmten Bereich der Ostsee dürfen laut Walschutzverordnung zudem Fischereifahrzeuge mit einer Länge von zwölf Metern oder mehr Stellnetze nur mit akustischen Abschreckvorrichtungen ausbringen. Zu dem Gebiet gehöre auch die Küste Mecklenburg-Vorpommerns etwa ab Warnemünde bis zur polnischen Grenze.
"Beifang kann in der Fischerei nicht gänzlich ausgeschlossen werden", schrieb ein Ministeriumssprecher. Der Fischereiverwaltung sei seitens der Fischereibetriebe im Jahr 2025 ein einziger toter Schweinswal gemeldet worden. Anhand des Totfund-Monitorings des Deutschen Meeresmuseums wurden den Angaben zufolge von 2016 bis 2024 im Durchschnitt 60 tote Schweinswale pro Jahr in Mecklenburg-Vorpommern gemeldet. 2024 seien es 34 Individuen gewesen.
Von den toten Schweinswalen in den Jahren 2020 bis 2024, bei denen das Meeresmuseum eine Todesursache habe bestimmen können, habe der Anteil mit Verdacht auf Beifang im Verhältnis zu sonstigen Todesursachen im Mittel rund 50 Prozent ausgemacht.
Auch Buckelwal wiederholt in Netze geraten
Auch der vor Poel festsitzenden Buckelwal war wiederholt in Netze geraten. Bei seinem Auftauchen im Wismarer Hafen Anfang März hingen Netzteile an dem Tier. Früheren Angaben zufolge handelte es sich dabei um ein Stellnetz. Jüngst hatte Backhaus erklärt: "Wir können garantieren, dass das Netz, was er mitgeschleppt hat, nicht aus unseren Gefilden kommt." Netzteile seinen analysiert worden. Derartige Netze würden in Mecklenburg-Vorpommern nicht eingesetzt. "Dieses Netz kommt nicht aus Mecklenburg-Vorpommern, ausdrücklich."
Der Wal war auf seinen Irrwegen an der hiesigen Küste allerdings zumindest ein weiteres Mal in ein Netz geraten. Laut Wasserschutzpolizei hatte sich das Tier am 10. März vor der Küste bei Steinbeck in Nordwestmecklenburg in einem Fischernetz verfangen. Ein örtlicher Fischer holte das Netz demnach ein, wobei es durchtrennt wurde. Anschließend schwamm der Wal wieder seewärts. Um welche Art von Netz es sich bei dem Vorfall handelte, ist unklar.
Tückisch sind nach Angaben etwa der Wal- und Delfin-Schutzorganisation WDC auch sogenannte Geisternetze. Diese verlorenen oder absichtlich im Meer zurückgelassenen Fanggeräte töteten oft über Jahre hinweg Meeressäuger.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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