
Als die ehemalige Auswahlathletin Michelle Timm die Folgen ihrer öffentlichen Aussagen über katastrophale Umstände im Turnen zu spüren bekam, dachte sie zeitweise sogar über einen kompletten Rückzug aus dem Sport nach. Kurz nach Weihnachten 2024 hatte sie mit zu den Ersten gezählt, die sich äußerten, nachdem Tabea Alt die Missstände am Stuttgarter Kunst-Turn-Forum öffentlich angeprangert hatte.
Längst nicht bei allen im Turn-Umfeld kam es positiv an, dass sie sich öffnete. Der Umgang damit ist emotional herausfordernd.
Timm über möglichen Abschied: Hätten sich wohl einige gefreut
Es sei "schwer zu erklären, was da abgeht", sagte Timm der Deutschen Presse-Agentur. "Für viele Leute ist man einfach nur Auslöser von dem, was für jetzt alle irgendwie erst mal negativ ist", schilderte sie. "Ich hatte vor allem anfangs das Gefühl, dass ich unerwünscht bin". Ihre Karriere hatte Timm schon beendet. In Stuttgart trainiert sie junge Turner im Alter von sechs bis acht Jahren.
"Irgendwann habe ich mir dann aber gedacht, dass ich mich da nicht rausdrängen lassen will", stellte sie klar. "Es hätten sich wahrscheinlich einige darüber gefreut beziehungsweise hätten es als Erleichterung empfunden".
Spätestens seit den Vorwürfen von Ex-Nationalturnerin Alt vor mehr als 14 Monaten steht das deutsche Turnen erneut unter Druck. Es ist die Rede von "systematischem körperlichen und mentalen Missbrauch". Neben Stuttgarts Stützpunkt geriet auch Mannheim mit harschen Trainingsmethoden in den Fokus. Bereits Ende 2020 waren Vorwürfe in Chemnitz aufgekommen.
Der Aufarbeitungsprozess entwickelt sich zäh. Timm wirkt ernüchtert. "Ich habe dazu ehrlich gesagt gar keine Meinung mehr, denn das dauert natürlich schon alles sehr, sehr lange", sagte sie. Sie wolle niemandem die Schuld zuschieben. Aber "dieser vermeintliche Stillstand, so wie man es jetzt nach außen hin zumindest wahrnimmt, ist einfach nur schwierig". Sie wolle sich nichts ausmalen. "Ich warte eigentlich einfach nur darauf, dass es vorbei ist."
Auf Instagram hatte Timm Ende 2024 geschrieben, dass die jahrelangen Missstände Menschen "kaputt machen" würden, und es mit dem Trainerteam im weiblichen Bereich "massivste Probleme" gebe.
"In erster Linie würde ich mir erhoffen, dass man den Skandal nutzt, um wirklich von vorn anzufangen", erklärte Timm nun. "Ich hoffe einfach, dass das große Ganze wieder so in Ordnung gebracht wird, dass Nachwuchs kommt und die Leute auch gerne beim Turnen sind und bleiben."
Wie Ex-Turnerin Seitz über die Aufarbeitung denkt
Der Umgang mit den Missbrauchsenthüllungen ist unterschiedlich. Olympia-Teilnehmerin Helen Kevric (17), deren Trainer in den Fokus gerückt waren, sah sich selbst nicht als "Missbrauchsopfer". Ex-Turnerin Elisabeth Seitz (32), die Vorwürfe zu Missständen in Mannheim geäußert hatte, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Ich denke schon, dass es diesen Knall leider gebraucht hat". Auch sie wünsche sich schnellere Ergebnisse, könne kritische Stimmen verstehen, aber vertraue "den Leuten, dass man die richtige Lösung findet".
Andere begegnen der Aufarbeitung mit Frust. "Intern wird da nichts passieren", meinte etwa die ehemalige Olympia-Turnerin Janine Berger bezogen auf den Deutschen Turner-Bund (DTB) kürzlich in der "Augsburger Allgemeinen". "Wenn Veränderungen eintreten sollen, dann muss das extern passieren." Als Folge der Arbeit der Staatsanwaltschaft oder der Gerichte.
In Baden-Württemberg wird die Arbeit des Gremiums, das im Auftrag des Landessportbunds und des Sportministeriums die Vorwürfe aufarbeiten wird, kritisch beäugt. Die AG möchte am Ende Handlungsempfehlungen aussprechen, der Abschluss wird sich noch weitere Monate hinziehen.
Ermittlungen gegen Funktionäre und Trainer dauern an
Auch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen hochrangige Funktionäre des DTB wie Präsident Alfons Hölzl und DTB-Sportvorstand Thomas Gutekunst sowie des Schwäbischen Turnerbunds (STB) dauern an.
Derzeit wirbt der STB für den DTB Pokal vom 19. bis 22. März in Stuttgart, der ein sportliches Highlight werden soll. In Bezug auf den Skandal sieht sich der Verband an einem Wendepunkt, weil ihm das Recht auf Einsicht in die Ermittlungsakten zugesagt wurde. So geht die Leitung mit neuen Erkenntnissen zuversichtlicher in die nächste Runde der arbeitsgerichtlichen Prozesse.
In erster Instanz hatte der STB gegen die Klagen zweier gekündigter Trainer verloren, weil er keine konkreten Vorfälle vorlegte. Mittlerweile sucht der Verband auch selbst Gespräche mit den Betroffenen.
Es gebe "vage Anzeichen", dass man bis zur Jahresmitte bei den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen einen deutlichen Schritt vorankommen könne, sagte STB-Geschäftsführer Matthias Ranke. "Es ist unsere große Hoffnung, dass wir uns 2027 damit nicht mehr befassen müssen. Glauben tue ich es nicht".
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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