
Werner zerkleinert sorgfältig Blumenkohl, Staudensellerie und Spargel - dabei holt er sich Tipps für betreutes Wohnen und einen geselligen Seniorentreff. Erst im Mai ist seine Frau unerwartet gestorben, da wohnten die Zwei nach einem Umzug aus Bensheim erst acht Monate in Lüneburg. An der hessischen Bergstraße waren ihnen die Sommer zu heiß geworden, sie wagten einen Neuanfang im kühleren Norden. "Ich hatte noch keine Chance, einen Freundeskreis aufzubauen, habe mich nur um meine Frau gekümmert und Arztpraxen gesehen", erzählt der 77-Jährige.
Zu Hause falle ihm die Decke auf den Kopf, deswegen kommt er gern in die Kochgruppe für Witwer einmal im Monat in eine Großküche einer Schule in der Hansestadt. Maximal zehn Männer können sich pro Abend anmelden. Profikoch Winfried Marx schickt vorher das Drei-Gänge-Menü per Mail herum, kauft die Zutaten ein und erklärt die Verarbeitungsschritte an den einzelnen Stationen.
Vorher sammelt der Chef mit dem Piratenkopftuch von jedem zwölf Euro fürs Essen ein, die Zutaten sind meist regional und saisonal. Die Gruppe gibt es seit rund 20 Jahren - Marx, der vorher ein Lokal betrieb, leitet sie seit etwa fünf Jahren. Dieses Mal ist er ein wenig gestresst, weil sich ein Teilnehmer nicht angemeldet hat - aber er hat genügend Vorräte dabei.
Es gibt vorweg einen Frühlingssalat, als Hauptgang gebratenen Lachs mit Ofenkartoffeln und diversen Gemüsesorten sowie Erdbeeren mit Vanilleeis zum Dessert. "Wenn die Frau stirbt, kann man verhungern oder man lernt kochen", meint der 79-jährige Thomas. Für ihn ist der Treff vor allem eine Möglichkeit, sich auszutauschen und zu unterhalten. Der gebürtige Berliner ist seit dreieinhalb Jahren dabei und hat sich zuletzt einen Eisenwok für den Eigenbedarf zugelegt.
Männer mit Kochschürzen und Redebedarf
An den Stationen steht selten einer allein, die meisten Amateurköche mit den langen, farbigen Schürzen tun sich zusammen. Rainer (83) und Klaus-Dieter (81) besprechen gerade einen gemeinsamen Grill-Abend vor der Sommerpause. "Ich habe einen großen Kumpelkreis, aber das ist kein Ersatz", weiß Rainer, dem es nach dem Tod seiner Frau im Haus morgens und abends zu still ist.
"Entscheidend ist, dass man allein zurechtkommt, den Schweinehund bekämpft", sagt der Senior. "Sich hängenlassen ist nicht das Rezept, an Tagen, an denen man lustlos ist, muss man sich etwas vornehmen".
Zwei Senioren haben sich auf dem Friedhof kennengelernt und Freundschaft geschlossen: "Unsere Frauen liegen unter demselben Baum", erzählt Kurt, dem die Geselligkeit in der Runde gut gefällt.
Anleiter Marx achtet darauf, mit seinen Schülern ins Gespräch zu kommen. Da seien zehn die maximale Gruppenzahl, sagt er. "Und das ist schon anstrengend für mich." Er ist ehrenamtlich in der Trauerbegleitung aktiv und wurde einst vom Ambulanten Hospizdienst Lüneburg gefragt, ob er die Leitung übernehmen könne. Im Sommer nimmt sich der 67-Jährige eine zwölfwöchige Auszeit zum Kochen auf einer Hütte für Wanderer im Kaisertal in Österreich. "Ich freue mich darauf, aber es ist auch interessant, wie ich so lange ohne meine Frau auskomme", sagt er.
Männer sind schwerer zu erreichen
"Jeder Mensch trauert anders", erklärt Elke Peters, Referentin beim Landesstützpunkt Hospizarbeit und Palliativversorgung Niedersachsen. Das Klischee besage, dass Männer keinen guten Zugang zu Emotionen haben und sich nicht öffnen mögen. Sie kommen im Trauerprozess eher ins Tun, Frauen lassen ihre Gefühle zu. "Da ist was dran, Männer gehen davon aus, dass sie es allein schaffen und keine Unterstützung brauchen", bestätigt die Trauerbegleiterin.
Schon in den Jugendgruppen, die sie begleitet, seien es eher die Mädchen, die sich dem Thema stellen. Die Angebote sind in den vergangenen Jahren vielfältiger geworden, aber wenn sich Männer für Angebote wie ein Trauercafé interessierten, blieben sie oft schnell wieder weg, weil sie dort nur Witwen träfen.
Wenn sie allerdings eine gleichgesinnte Gruppe antreffen, öffnen sie sich schnell: "Jeder Verlust, jede Todesursache ist eine andere, aber das Grundverständnis hat etwas Verbindendes". Da komme schnell Vertrauen und Offenheit auf, erklärt Peters.
Männer trauern anders
Thomas Achenbach hat ein Buch mit dem Titel: "Männer trauern anders" geschrieben und bestätigt die Erfahrungen von Elke Peters: "Männer machen viel mit sich ab, in der Gruppe ändert sich das." Das sei auch eine Generationenfrage, denn älteren Männern fehlten vielfach die Vorbilder. Auch hätten die Älteren nicht Kochen gelernt. "Was habe ich zu Hause für eine Vaterfigur erlebt?", fragt der Autor.
Viele Väter seien aus dem Zweiten Weltkrieg entweder nicht zurückgekommen oder hätten über ihre Erlebnisse geschwiegen. Dies ändere sich zusehens, Jüngere seien da offener. "Ich stelle immer wieder fest, die jungen Verwitweten verirren sich nicht in solche Gruppen", sagt der erfahrene Trauerbegleiter aus Osnabrück. In einigen niedersächsischen Städten gehören Kochkurse ausschließlich für Männer oder auch künstlerische Angebote zum Programm der Hospizbewegung.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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