
Als Graham Arnold den Anruf aus dem Irak erhielt, war die Begeisterung zu Hause überschaubar. "50, eigentlich 75 Prozent meiner Familie waren dagegen", erzählte der Australier. Freunde und Verwandte warnten den Fußballtrainer vor einem Land, das im Westen oft mit Krieg, Gewalt und Krisen verbunden wird. Arnold hörte sich die Warnungen an, stieg in den Flieger – und flog nach Bagdad.
"Jetzt bin ich seit zehn, zwölf Monaten hier und all das stimmt nicht", sagte Arnold, der sich bewusst für ein Leben im Irak entschied – Tausende Kilometer entfernt von seiner Familie in Sydney. "In meinem Vertrag steht, dass ich nicht dort wohnen muss. Aber ich kann aus ihnen keine Australier machen. Ich musste in ihre Kultur eintauchen, sonst hätten wir uns nicht qualifiziert".
Im zweiten Gruppenspiel gegen Frankreich an diesem Montag (23.00 Uhr/MagentaTV und ARD) benötigt sein Team ein WM-Wunder. Sonst droht das Aus in der Gruppenphase.
Spieler waren "erdrückt von der Verantwortung"
Der 62-Jährige passte seinen Alltag an Gebetszeiten und späte Abendessen an – und die Spieler ihr Verhalten auf dem Platz. "Was die Disziplin angeht, toleriere ich keinerlei Fehltritte", stellte Arnold klar. Aus einer Mannschaft mit unterschiedlichen Wurzeln formte er ein Team, das sich durch eine XXL-Qualifikation mit 21 Spielen kämpfte und den Irak erstmals seit 40 Jahren wieder zu einer Weltmeisterschaft führte.
Allein damit erfüllte Arnold den Traum von fast 50 Millionen Irakern. "Sie sind fußballverrückt. Sie sind besessen davon", sagte Arnold. Fluch und Segen zugleich. "Diese enorme Begeisterung der Fans führte dazu, dass die Spieler mit gesenktem Kopf im Trainingslager ankamen, erdrückt von der Verantwortung. Sie litten unter Panikattacken", berichtete Arnold im Interview der italienischen Zeitung "La Gazzetta dello Sport". Nach der Qualifikation seien die Spieler wieder frei gewesen.
Getrennte Sitzordnung: Wo war das "Wir-Gefühl"?
Seit Mai 2025 coacht der Australier die Auswahl aus dem Nahen Osten – und ist für viele längst mehr als nur ein Nationaltrainer. "Ich bin euer Vater und ihr seid meine Söhne", sagte er einmal zu seinen Schützlingen. Der Australier erklärte ihnen weiter, dass seine Assistenten die Onkel seien und die Mannschaft eine Familie.
Das vor Groß-Turnieren oft beschworene "Wir-Gefühl" musste Arnold im Irak erst entwickeln. "Das Erste, was mir auffiel, war, dass es verschiedene Tische gab. Die Spieler waren voneinander getrennt. An zwei oder drei Tischen saßen Iraker, an den anderen Tischen die ausländischen Jungs. Das habe ich sofort geändert und einen großen Tisch für alle Spieler eingerichtet", berichtete der Australier.
Inzwischen fühlen sich die Spieler nach Angaben ihres Trainers wie Brüder. "Es war wunderschön zu sehen, wie sich diese Verbundenheit zwischen Menschen mit denselben Wurzeln entwickelte, die Tausende von Kilometern voneinander entfernt geboren und aufgewachsen sind."
Englischsprachige Spieler links, arabisch-sprechende rechts
Auch aufgrund der Konflikte im Irak kamen viele Spieler im Ausland zur Welt. Hussein Ali, Amir Al-Ammari etwa in Schweden, Merchas Doski und Youssef Amyn in Deutschland. "Ich bin auf zwei Kulturen gestoßen, die ich versucht habe, zu vereinen", sagte Arnold, der auch für die Kommunikationsprobleme auf dem Feld eine Lösung fand.
"Ich habe diejenigen, die Englisch sprechen, auf die linke Seite gestellt und diejenigen, die Arabisch sprechen, auf die rechte Seite. In der Mitte, für die beiden Innenverteidiger und den Spielmacher, habe ich Spieler ausgewählt, die beide Sprachen sprechen, um die Kommunikation zwischen den Flanken zu gewährleisten. Das hat funktioniert", sagte Arnold im Interview der Zeitung "The National".
Arnold verhängt Social-Media-Verbot
Der Australier weiß, in welcher schwierigen Situation sich viele seiner Spieler befinden. Zu Hause herrscht Krieg und aus Sorge um die eigene Familie wurden stündlich die neusten Nachrichten gecheckt. Arnold griff durch und verhängte ein Social-Media-Verbot vom ersten bis zum letzten Tag eines Lehrgangs.
"Weil sie erkannten, dass dort viele Lügen und viel Negativität verbreitet wird, die das Hirn beeinflussen. Es ist wahrscheinlich die wichtigste Veränderung, die ich in meiner Amtszeit bewirkt habe", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".
Offensivspieler Ali Al-Hamadi attestierte Arnold schon jetzt, Großartiges geleistet zu haben. "Er wird als Legende in unsere Geschichte eingehen", versprach er.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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