
Carlo Ancelotti hebt maximal die linke Augenbraue. Das kennt man von ihm seit Jahren. Ansonsten lässt sich Brasiliens Nationaltrainer von all dem Trubel rund um seine Mannschaft nicht ansatzweise aus der Ruhe bringen. Dieser Job sei für ihn ein "Privileg", stellte der Italiener erst kürzlich noch mal klar. Der erfahrene Coach wusste genau, worauf er sich einlässt, als er vor gut einem Jahr beim Rekordweltmeister anheuerte. Und wie anspruchsvoll seine Mission bei diesem Turnier in den USA, Kanada und Mexiko wird.
Ancelottis Auftrag sieht nicht weniger vor, als einer der stolzesten Fußball-Nationen überhaupt ihren Glanz früherer Tage zurückzubringen. Anspruch und Wirklichkeit nach 24 Jahren ohne WM-Titel wieder zu vereinen. Bislang gelingt ihm das eher mäßig. Entsprechend kritisch fielen zuletzt auch die Fragen der Journalisten aus. Doch Ancelotti wirkt unbeeindruckt - auch vor dem heißen Gruppenfinale in Miami gegen Schottland (Donnerstag, 0.00 Uhr/MagentaTV).
Brasilien fehlen die Weltstars von einst
"Wir müssen ruhig bleiben und uns auf unsere Arbeit konzentrieren", erklärte der 67-Jährige mit Blick auf die Hysterie, die sein Team traditionell umgibt. Die größten Stars der jüngeren Vergangenheit der Seleção stehen längst nicht mehr auf dem Platz, sondern sitzen bei dieser WM auf der Tribüne: sei es Ronaldo, Ronaldinho, Kaká oder Roberto Carlos - allesamt wurden sie 2002 Weltmeister.
An ihre Strahlkraft reichen aus dem aktuellen Aufgebot, wenn überhaupt, nur Neymar und Vinícius Júnior noch heran. Der nun am Oberschenkel verletzte Raphinha mit Abstrichen. Ancelotti weiß das. Und dennoch wird er nicht müde, die Qualitäten seines Kaders hervorzuheben. Was soll er auch tun? In Brasilien wollen sie ohnehin nichts anderes hören. Der sechste WM-Titel bleibt das Ziel.
Auf Clubebene alles abgeräumt
Beim Auftakt gegen Marokko (1:1) war der Gegner stark, die eigene Vorstellung dennoch mau. Gegen Haiti (3:0) erfüllten die Brasilianer ihre Favoritenrolle, viel mehr aber auch nicht. Und jetzt? Gegen die leidenschaftlichen Schotten? Wird die Widerstandsfähigkeit, die Ancelotti von seinen Spielern fordert, vermutlich noch mehr gefragt sein als bisher. Und der Trainer selbst natürlich auch.
Er sei erfahren genug, mit all dem Druck umzugehen, sagte Ancelotti kürzlich. Auf Clubebene hat er gewonnen, was es zu gewinnen gibt: Meistertitel in Italien, England, Frankreich, Spanien und Deutschland. Dazu gleich fünfmal die Champions League. Er trainierte die ganz Großen: AC Mailand, FC Chelsea, Paris Saint-Germain, Real Madrid, Bayern München. Was für eine Laufbahn.
Auch Kroos schwärmte von Ancelotti
Und was noch mehr auffällt: Wie sehr ihn die vielen Stars, die er im Laufe der Jahre betreute, mit Lob überschütten. Ancelotti sei der beste Coach, den er je hatte, sagte etwa Vinícius Júnior. Mit Brasiliens extrovertiertem Offensivstar arbeitete Ancelotti schon bei Real erfolgreich zusammen. Wenn einer weiß, wie der größte Hoffnungsträger der Seleção bei dieser WM richtig anzupacken ist, dann vermutlich die Trainer-Ikone aus Italien. Ancelotti, der Menschenfänger.
Als "überragend" bezeichnete auch schon Ex-Nationalspieler Toni Kroos die gemeinsame Zeit mit Ancelotti in Madrid. Der Trainer treffe zwar immer die Entscheidung, ihn interessiere aber auch die Meinung der Spieler, berichtete der deutsche Weltmeister von 2014 einst. Ancelotti selbst erklärte bereits mehrfach, wie wichtig es ihm doch sei, eine Nähe zu den Profis aufzubauen.
Bei Brasiliens kniffliger Titelmission ist Ancelotti nun besonders gefordert. Als Taktiker. Als Motivator. Als Ratgeber. Und als Ruhepol mitten im Rampenlicht.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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