
Mit seinem schlafenden Sohn fest und liebevoll im Arm ging Manuel Neuer nach der Landung in Winston-Salem behutsam die Gangway hinunter. Mit der Rückkehr ins Teamquartier der Fußball-Nationalmannschaft schienen bei Deutschlands Rekordtorwart alle Gedanken an den unbefriedigend verlaufenen Gruppenabschluss beim 1:2 gegen Ecuador und seinen Griff ins Leere beim zweiten Gegentor ganz weit weg.
Schon im Endspiel-Stadion von East Rutherford hatte der 40 Jahre alte Papa den kleinen Luca fröhlich durch die Gegend getragen. Die Familienbilder standen im krassen Gegensatz zur Mimik und Gestik, als Neuer sich auf dem Podest im Interviewzelt den bohrenden Reporterfragen stellen musste. Der Vorwurf vor der riesigen WM-Arena in New Jersey lautete: Torwartfehler. Und der Schlussmann reagierte ungewöhnlich harsch, fast schon genervt.
Reaktion ohne Souveränität
"Nee", eröffnete er seine Replik auf eine entsprechende Frage, um dann länger als eine Minute einen Monolog zu spezifischen Aspekten des Torwartspiels abzugeben. In "Millisekunden" müsse er seinen Entscheidungen treffen, blaffte er einen Journalisten an, der eine Nachfrage stellte.
"Jeder Torwart, der schon einmal gespielt hat, der weiß, dass ich mich so zu dem Ball hinstellen muss. Das ist wie, wenn ein Spieler zum Ball geht, und der eine, der kommt halt eine Fußspitze vor dem anderen dran. Und ich schaue natürlich auf die Verlängerung, auf das, was vorne passiert", erläuterte er jene Situation, als Ecuadors Gonzalo Plata den Ball vor seinen fangbereiten Armen zum 2:1-Siegtreffer Ecuadors ins Tor gespitzelt hatte.
"Auf keinen Fall", schloss er sein Statement. Und meinte damit die ihm unterstellte Mitschuld. Joshua Kimmich, der in Amerika selbst noch seine Topform sucht, tat beim selben Thema überrascht. Es war nur nicht genau zu klären, ob er die Frage nach Neuer akustisch oder inhaltlich nicht verstanden hatte. "Manu, oder wer?", fragte der DFB-Kapitän, als grenze Zweifel an der Außergewöhnlichkeit des deutschen Rekordtorwarts an Fußball-Blasphemie.
Wo war die Aura?
Nun wäre es nicht schlimm, wenn auch dem zuletzt in den Stand der generellen Unantastbarkeit erhobenen Neuer mal ein Fehler unterliefe. Der Begriff der Aura, die ihn umgebe, war von Mitspielern wie Journalisten im WM-Quartier in North Carolina genüsslich strapaziert worden. Und jetzt spielte Neuer dreimal in Serie ziemlich irdisch.
Die Vehemenz, die in der Diskussion über das Malheur mitschwingt, ist der Sorge geschuldet, dass es in Amerika noch nicht diesen Neuer-Moment gab, für den ihn Julian Nagelsmann nach zwei Jahren reaktiviert hat. "Es ist wieder extrem ärgerlich für Manu, dass er so die Winner-Aktion leider noch nicht hatte. Die Abschlüsse waren alle eklig", sagte der Bundestrainer.
Für Neuer war es im dritten Spiel der XXL-WM bei seinem Comeback bereits der vierte Gegentreffer. Obwohl es das erste Tor war, bei dem er eine unglückliche Figur abgab, schwangen nach der Niederlage sofort grundsätzliche Fragen mit, die rund um die Nominierung im Mai schon thematisiert worden waren.
Schnelle Grundsatzfragen
Ist die Rückholaktion zwei Jahre nach dem DFB-Rücktritt wirklich sinnvoll? Hätte der zum Reservisten degradierte Oliver Baumann nicht eine Leistung auf gleichem Niveau bringen können? Lohnte folglich der ganze Trubel? Die unerschütterlichen Pro-Argumente, nämlich Neuers internationales Standing und seine WM-Kenntnis seit 2010, verlieren übertrieben rasant an Gewicht.
Da Neuer seit Mitte Mai an einer muskulären Verhärtung in der Wade laborierte und die letzten beiden WM-Tests verpasst hatte, war auch lange über die Fitness des Torwarts diskutiert worden. Für den WM-Auftakt gegen Curaçao meldete er sich dann einsatzbereit. Er blieb beim 7:1 aber wie beim folgenden 2:1 gegen die Elfenbeinküste und jetzt gegen Ecuador nicht ohne Gegentor.
Auch in München hatte es in dieser Saison, in der Neuer häufiger wegen muskulärer Blessuren fehlte, immer wieder einmal diese Fragen gegeben. Er ist 40 Jahre alt. Da bleiben manchen Qualitäten aus Altersgründen zwangsläufig auf der Strecke. Tempo, Geschmeidigkeit. Das Spiel mit dem Fuß. Und jetzt auch der Instinkt fürs konsequente Zupacken im richtigen Moment?
Neuer kam ohne Einspielphase wieder ins DFB-Tor. Schlussendlich passte aber im 127. Länderspiel und 22. WM-Spiel nicht einmal die Absprache mit Abwehrchef Jonathan Tah, mit dem Neuer als Bayern-Kollege gut eingespielt sein sollte. "Am Ende sind wir alle in der Box und können vielleicht einen Schritt schneller reagieren. Man muss das Tor nicht überbewerten", meinte Tah.
Keine Mini-Risse im Denkmal
Auch Nagelsmann und Kimmich dachten wie Tah überhaupt nicht daran, auch nur einen Mini-Riss in dem Neuer-Denkmal zu erlauben. "Das müssen wir anders verteidigen. Für einen Torwart ist das eine extrem undankbare Situation", sagte der Bundestrainer.
Neuer will sich vor der ersten K.-o.-Runde nicht verrückt machen lassen. Er präsentierte auch eine interessante These. Je schwerer die Gegner werden, desto besser werde er spielen. "Ich glaube, für mich als Torwart ist es so: Je bekannter die Mannschaften werden, desto einfacher ist es für mich, weil ich die Mannschaften und die Spieler aus dem internationalen Fußball kenne und man dann eher weiß, was auf einen zukommt", sagte er.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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