
Mädchen hassen, sie wie Dreck behandeln: Darum habe sich seine Sozialisation als acht-, neunjähriger Junge gedreht. Erst die Frauen in seinem Leben hätten ihn von dem "chauvinistischen Schwein" in ihm befreit, erzählte der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis kürzlich in einem Interview. Die Bildung von Jungen und die Haltungen von Männern – beides hat in Deutschland, wo laut Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA) 308 Frauen und Mädchen allein im Jahr 2024 getötet und 187.128 Opfer häuslicher Gewalt wurden, fundamentale Bedeutung.
Doch was geht in Männerköpfen vor, welchen Einfluss haben frauenfeindliche Inhalte im Internet auf Teenager-Jungs und wie verbreitet sind antifeministische Überzeugungen in der Gesellschaft?
Einen Eindruck liefert etwa die Leipziger Autoritarismus-Studie der Heinrich-Böll-Stiftung. Bis zu einem Viertel der Deutschen weise antifeministische und sexistische Haltungen auf, heißt es in der Untersuchung von 2024. "Damit haben wir einen ersten Annäherungswert, der mit Vorsicht zu genießen ist", ordnet Annette Henninger, Professorin für Politik und Geschlechterverhältnisse an der Universität Marburg, ein. Denn einiges, was aktuellen Antifeminismus ausmache, sei nicht abgefragt worden. "Ich würde gern wissen, wie viele Menschen der Vorstellung anhängen, dass es nur zwei Geschlechter gibt und das von der Natur vorgegeben ist. Diese Menschen müsste man dazu rechnen, andere womöglich herausrechnen", sagt sie.
Krise des "Ernährermodells"
Antifeministen lehnen laut Henninger nicht nur das Konzept des sozial konstruierten Geschlechts (Gender) ab, sie glauben auch, dass es Hierarchien zwischen Menschen gibt – und die Rollen von Frauen und Männern natürlich festgelegt sind. Das Gefährliche daran: "Mit diesem Verständnis braucht man keine Geschlechterpolitik und entzieht Debatten über die Verhältnisse der politischen Aushandlung", erklärt die Wissenschaftlerin.
Ein Grund für den Antifeminismus sei die Krise des "Ernährermodells". "Das klassische Normalarbeitsverhältnis, bei dem man nach einer Ausbildung als qualifizierter Facharbeiter lebenslang einen sicheren Job hat und von dem Einkommen seine Familie ernähren kann, ist für viele illusorisch geworden." Doch noch immer sei genau das die nicht hinterfragte Erwartung an Jungen und Männer.
Daraus ergibt sich laut Henninger erstens eine wichtige Frage: "Welchem Lebensmodell, das positiv Identität stiftet, können Männer zukünftig nachstreben?" Und zweitens ein Unterschied zwischen Männern und Frauen: "Für Frauen haben sich durch das Aufbrechen der Hausfrauenehe die Möglichkeiten vervielfältigt, während das für Männer nicht so zu sein scheint oder nicht so wahrgenommen wird. Sie sehen das eher als Bedrohung."
Ähnlich beurteilt das der Psychologe und Männerberater Björn Süfke. "Wir leben in einer Übergangszeit von traditionellen Männlichkeitsvorstellungen hin zu einer hoffentlich geschlechtergerechten Gesellschaft. Männer und gerade Jungen, die in ihrer Identität noch weniger gefestigt sind, stehen zwischen zwei Welten." Einerseits seien 60 Jahre Gleichberechtigungsbemühungen nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Andererseits "bekommt ein Junge alle 21 Minuten etwas Antifeministisches bei Tiktok oder Instagram reingespült, etwas von Andrew Tate oder AfD-Politiker Maximilian Krah – unabhängig davon, ob er solchen Accounts folgt", erklärt Süfke. Verunsicherung sei da normal.
Doch diese werde von Männlichkeitsinfluencern und Pick-up-Artists ausgenutzt. "Sie geben ein Männlichkeitsbild vor, mit dem man Frauen abwerten kann und wieder jemand ist. Sie versprechen Sicherheit, das verfängt stark", analysiert Süfke. Eine aktuelle Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) kommt zu dem Ergebnis, dass rund 26 Prozent der Jungen ein "problematisches Weltbild" haben, also unter anderem von einer natürlichen männlichen Dominanz überzeugt sind und LGBTQ+-Feindlichkeit an den Tag legen.
"Deutlich mehr progressive junge Frauen"
Derweil entwickeln sich Mädchen und Frauen häufig in die entgegengesetzte Richtung. Man sehe das beispielhaft an den jüngsten Wahlergebnissen, sagen sowohl Süfke als auch Henninger. Während bei jungen Männern eher die AfD punktet, sind es bei jungen Frauen Grüne und Linke. "Es gibt deutlich mehr progressive junge Frauen", attestiert Süfke.
Das habe Einfluss auf Partnerschaftsmöglichkeiten. "Auf Deutsch gesagt: Jungen und Mädchen kommen quasi gar nicht mehr zusammen." Einen Namen hat das Phänomen bereits: Hetero-Fatalismus, die Abkehr von anstrengenden Beziehungen mit Männern. Das US-Unternehmen Morgan Stanley prognostiziert auf Basis demografischer Erhebungen gar, dass bis 2030 45 Prozent der Frauen im Alter zwischen 25 und 44 Single sein werden.
Gefahr für die Demokratie?
Antifeminismus rüttelt aber eben nicht nur an heterosexuellen Beziehungen. Er beobachte einen gesellschaftlichen Rückschritt - und eine Gefahr für die Demokratie, sagt Männerberater Süfke. Zu diesem Thema forscht Henninger im Moment. Antifeminismus, sagt sie, sei kein individuelles Thema: "Das fällt nicht einfach vom Himmel, diese Diskurse werden strategisch von extremen Rechten, christlichen Fundamentalisten und in Deutschland von der AfD platziert und geschürt." Dabei werde etwa ein vermeintlicher Frauenrechtsdiskurs mit Migrationsabwehr verknüpft. Nach dem Motto: Sexualisierte Gewalt sei ein Problem, das von Migranten ausgehe.
"Aber Deutschland hat es nicht nötig, sexualisierte Gewalt zu importieren. Wir wissen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik und aus Befragungsdaten, dass das Zuhause der gefährlichste Ort für Frauen ist. Und Partnerschaftsgewalt geht durch alle Bevölkerungsgruppen", erklärt Henninger. Teilweise gebe es auch einen verbrämten Postfeminismus: "Quoten? Brauchen wir nicht mehr."
Wie kann die Gesellschaft Antifeminismus begegnen? Mit mehr Beratung für Jungen, mehr Aufklärungsarbeit an Schulen, mehr Inhalten auf Social Media, die der Manosphere entgegentreten, meint Süfke. "Was ich Eltern und Fachkräften gleichermaßen sage: Diese Jungs sind keine Teufel. Man muss nur mit ihnen reden und klarmachen, was zum Beispiel an Andrew Tate problematisch ist."
Auch Christoph May arbeitet daran, Feminismus an Männer zu bekommen. Er gibt etwa in Unternehmen, an Universitäten oder in der Kultur Workshops zu Männlichkeit. Gerade habe er eine Anfrage der Bundeswehr erhalten, erzählt der Männerforscher. Oft werde er gebucht, wenn Probleme mit Männern aufgetreten seien. "Als erstes geht es darum, die Männer in die Seminare zu bekommen. Sobald "Feminismus" auf dem Flyer steht, halten die das für ein Thema für Frauen", berichtet May.
Abwehrstrategien kommen ohnehin
Helfen könne, wenn männliche Vorgesetzte teilnähmen oder die Teilnahme verpflichtend sei. Flinta-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Menschen) sollten ebenfalls anwesend sein: "Ihre Erfahrung muss im Raum sein." Er achte auf eine lockere Stimmung - und kläre direkt zu Beginn, welche männlichen Abwehrstrategien es gegen feministische Positionen gebe. "Ich sage den Teilnehmern: Das wird definitiv kommen, wir nehmen das als Gesprächsgrundlage. Männer argumentieren gern von Frauen- und queeren Themen weg, wenn es genau darum geht."
May ist es wichtig, dass niemand seine Veranstaltungen frustriert verlässt. "Männer sollen danach wissen, wie man kritisch über Männlichkeit spricht, ohne das persönlich zu nehmen, und was sie für Frauenrechte tun können", berichtet er. Mit Vorteilen des Feminismus für das eigene Männerleben will er sie hingegen nicht mehr überzeugen. "Über den Punkt sind wir hinaus, wir müssen jetzt wütend sein, wenn Männer schweigen, verharmlosen und relativieren."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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