
Von der kleinen Kursaal-Gala für den Röhrenfernseher zum Mega-Event in riesiger Halle mit weltweit rund 160 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern vor den Bildschirmen: Der Eurovision Song Contest (ESC) hat sich seit seiner Premiere im Mai 1956 in Lugano in der Schweiz zu einem popkulturellen Phänomen mit vielen Facetten entwickelt.
Zum 70. Jubiläum widmet die ARD dem früher meist Grand Prix genannten Musik-Event eine 90-minütige Doku: "70 Jahre ESC – More than Music" (ab 8. Mai in der ARD-Mediathek; am Montag, 11. Mai, um 20.15 Uhr im Ersten).
Die Analyse spart auch heikle Aspekte der ESC-Geschichte nicht aus. Es geht etwa um schwule und queere Momente bei dem Musikwettbewerb und die Kontroverse der letzten Jahre um die Teilnahme Israels.
Hape Kerkeling sagt in der Doku, der ESC sei über die Jahre hinweg populär geblieben, weil er es immer verstanden habe, mit der Zeit zu gehen: "In dem Wechsel von einem - ich sag’ mal - eleganten Orchester-Club-Event hin zu einem europäischen Großereignis."
"Wir können nur zu Tränen rühren in Unschuld"
Der heute 61-jährige Kerkeling erzählt: "Ich fand als Kind das Faszinierende: Da treten alle europäischen Nationen an in ihrer Sprache. Wann hatte ich im Ruhrpott schon mal die Chance, finnisch zu hören oder serbokroatisch - das schon eher - oder schwedisch oder dänisch?"
Dass Germany als Loser-Nation gelte, sei ein leidiges Thema, findet Kerkeling. Deutschland stehe dort allein auf weiter Flur. "Mit Lustig lassen sie uns nicht gewinnen. Deutschland ist nicht lustig in den Augen der anderen Europäer. Wir können nur zu Tränen rühren in Unschuld. Dann vergibt man uns alles."
Zwei Mal holte die Bundesrepublik Deutschland beziehungsweise die ARD den Sieg. Mit jungen Frauen und makellos anmutenden Nummern. Dem Hype um Gewinnerin Nicole 1982 (damals 17 Jahre alt) und Lena im Jahr 2010 (damals 19) widmet sich die Doku ausführlich.
Die heute 61 Jahre alte Nicole sagt über ihr Sieger-Chanson "Ein bisschen Frieden": "Dieses Lied war einzigartig. Es ist einzigartig. Denn es wird an Aktualität nie verlieren. Diese Botschaft, dass die Menschen sich nichts sehnlicher wünschen als Frieden, die bleibt."
"Es ist verführerisch zu denken, es ist ein Länderwettbewerb"
2026 boykottieren die TV-Sender aus Spanien, den Niederlanden, Irland, Island und Slowenien den ESC als Reaktion auf das Vorgehen Israels im Gazastreifen.
Der auch "Dr. Eurovision" genannte Kulturwissenschaftler Irving Wolther sagt: "Es ist verführerisch zu denken, es ist ein Länderwettbewerb." Weil es etwa heiße: Twelve points go to Germany. Doch es sei ein Wettbewerb der Rundfunkanstalten. Auch Peter Urban, der jahrzehntelange ESC-Kommentator der ARD-Übertragung, betont: "Das israelische Fernsehen ist sehr tolerant, sehr liberal." Man könne Israel nicht gleichsetzen mit der jetzigen Regierung dort.
Urban (78) erinnert an den ESC-Ursprung: "Am Anfang war das so: Spaß durch Unterhaltung, die Wunden des Krieges auslöschen durch eine gemeinsame Sendung - mit Unterhaltungsmusik. Und es wär schön, wenn das wieder so kommen würde."
Das Gelungene an der "70 Jahre ESC"-Doku ist: Sie schaut auf die großen Linien innerhalb der Eurovision-Welt und auf die großen Kontroversen, sie liefert aber auch Details und Klugscheißerwissen und erinnert an unvergessliche Beiträge wie Deutschlands "Theater" mit Katja Ebstein 1980 und "Ein Lied kann eine Brücke sein" mit Joy Fleming von 1975.
"Modisch bahnbrechend war tatsächlich Deutschland"
Tomi "Mr. Lordi" Putaansuu, der Frontmann der finnischen Monster-Band Lordi, die 2006 überraschend mit "Hard Rock Hallelujah" triumphierte, verrät: "Mein Lieblings-ESC-Song war immer "Diva" - der beste Song aller Zeiten." 1998 holte Dana International, eine Transfrau, mit diesem Song den Sieg für Israel.
ESC-Experte Irving Wolther weiß zu berichten: "Modisch bahnbrechend war tatsächlich Deutschland: 1978. Denn Ireen Sheer war mit ihrem Cape die Erste, die sich auf der Bühne eines Kleidungsstücks entledigt hat." Das sei in den Folgejahren neben viel anderem Mode-Firlefanz üblich geworden. Sheer erreichte vor 48 Jahren in Paris mit dem Evergreen "Feuer" den sechsten Platz.
Natürlich geht es in der Doku auch um den legendären Sieg von Abba 1974 und auch darum, wie Deutschland nur ein einziges Mal bisher nicht teilnahm. Das war 1996, weil das Lied "Planet of Blue" von Interpret Leon vorab von einer Jury aussortiert wurde. Es gab angeblich irgendwie weniger Finalplätze als Songbewerbungen. Wichtig in der Grand-Prix-Geschichte auch, wie Stefan Raab 1998 mit Guildo Horn zumindest für Deutschland wieder ein bisschen Leben in die Bude des damals angestaubten Wettbewerbs brachte.
Promis wie der Designer Jean Paul Gaultier, die Sängerin Nana Mouskouri und der Komponist und Vielfach-Teilnehmer Ralph Siegel erzählen in der Doku persönliche Erlebnisse. Experten und Fans wie Olli Schulz, Freshtorge, Caro Worbs und Miguel Robitzky hauen nachdenkenswerte ESC-Thesen raus.
"Bevor alles in die Luft fliegt, bumm bumm"
Weitere Gewinnerinnen und Gewinner kommen zu Wort, unter ihnen Tom Neuwirth. Er holte als bärtige Dragqueen Conchita Wurst 2014 für Österreich den Sieg. Jamala gewann 2016 für die Ukraine. Johnny Logan siegte sogar dreimal für Irland: 1980 und 1987 - und 1992 noch einmal als Komponist.
Dass der ESC immer wieder politisch war oder politisiert worden ist, zeigt etwa der fünfte Platz im Jahr 1967. Serge Gainsbourg schrieb damals für Monaco und die Sängerin Minouche Barelli den Beitrag "Boum Badaboum".
Er dreht sich um einen drohenden Atomkrieg und um Hippie-Sex. Eine Text-Kostprobe übersetzt: "Bevor alles in die Luft fliegt, bumm bumm, lasst mich Zeit zum Lieben haben, badabum. Lasst mich noch leben. Bumm bumm."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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