
Dieser in der jüngeren WM-Geschichte beispiellose Vorgang ist jetzt schon ein Politikum - und hat das Zeug, für Konsequenzen weit über den Fall Folarin Balogun hinaus zu sorgen. Hat US-Präsident Donald Trump wirklich bei FIFA-Chef Gianni Infantino angerufen, um sich für eine Aussetzung der Rot-Sperre von Balogun für das WM-Achtelfinale gegen Belgien in Seattle einzusetzen?
Dies berichteten am Sonntag übereinstimmend "The Athletic" und die Nachrichtenagentur AP. Demzufolge bestätigten mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen den ungewöhnlichen Ablauf. Weder die FIFA noch das Weiße Haus haben die Information bislang kommentiert. "Wenn das wirklich Trump und Infantino ausgemacht haben, das ist verrückt", kommentierte der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp bei MagentaTV.
Wenige Stunden zuvor hatte der Weltverband mitgeteilt, dass Balogun trotz seiner Roten Karte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina am Dienstag (2.00 Uhr MESZ/ARD und MagentaTV) im Lumen Field spielen darf.
Trump begrüßt Entscheidung persönlich
Trump zögerte nicht und meldete sich umgehend über Truth Social, als die FIFA Balogun für spielberechtigt erklärte. "Vielen Dank an die FIFA, dass ihr das gemacht habt, was richtig ist und eine große Ungerechtigkeit wiedergutgemacht habt." Dahinter schrieb er: "Präsident DONALD J. TRUMP." Der 80-Jährige war bislang bei keinem WM-Spiel vor Ort, wird aber spätestens zum Endspiel am 19. Juli in East Rutherford bei New York im Stadion erwartet.
Der Vorgang an sich erinnert an die WM 1962, als der Brasilianer Garrincha im Halbfinale Rot sah - und im Endspiel wenige Tage später trotzdem spielen durfte. Schiedsrichter-Experte Patrick Ittrich sagte dazu: "Das Interessante ist in der Tat, dass wir keine Begründung haben. Es wird irgendwann eine nachgeliefert und am Ende wissen wir nicht, worum es geht."
Platzverweis wurde nach Videobeweis ausgesprochen
In diesem Fall ist die Entscheidung der FIFA besonders bemerkenswert: Zwar wurde die Rote Karte gegen Balogun kontrovers diskutiert, da sein Tritt gegen Tarik Muharemovic in einem Zweikampf zwar hart, aber offensichtlich unabsichtlich war. Doch während der Partie in Santa Clara wurde sie offensichtlich für richtig befunden, schließlich wurde sie erst nach Überprüfung durch den Video Assistant Referee (VAR) verteilt.
Balogun hatte beim 2:0 erst das Führungstor erzielt (45. Minute) und später die Rote Karte (64.) gesehen. Geht es nach US-Trainer Mauricio Pochettino, war bereits der Platzverweis Anfang dieser Woche ein klarer Fehler von Referee Raphael Claus aus Brasilien.
"Ich denke, wir müssen feiern, dass das eine faire Entscheidung ist, uns nicht noch mehr zu bestrafen. Das war schon genug", sagte der Argentinier bei der Pressekonferenz in Seattle, wo in der deutschen Nacht zum Dienstag letztmals gespielt wird. Rund 70.000 Fans werden kommen.
Artikel 27 griff auch bei Ronaldo - nur anders
Als Begründung verwies die FIFA auf Artikel 27 des Disziplinarreglements, wonach die Durchführung einer Disziplinarmaßnahme ganz oder teilweise ausgesetzt werden kann. Baloguns Sperre werde für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt. Sollte sich der Angreifer in dieser Zeit "einen weiteren Verstoß gleicher Art und Schwere" erlauben, werde die Sanktion vollstreckt.
Es ist nicht das erste Mal, dass die FIFA von Artikel 27 Gebrauch macht. Erst im Vorjahr sah Portugals Superstar Cristiano Ronaldo im vorletzten Quali-Spiel gegen Irland eine Rote Karte für einen Ellbogenschlag. Der Weltverband sperrte Ronaldo für eine Partie und setzte die weiteren beiden Partien zur Bewährung aus, sodass der Kapitän ab dem WM-Auftakt in den USA zur Verfügung stand.
Der Unterschied ist: Bei Ronaldo wurde die Sperre über den Regelpassus nur verkürzt, bei Balogun nun de facto aufgehoben. Sollte sich der Stürmer bei dieser WM kein weiteres Vergehen leisten, steht schon jetzt fest, dass eine Strafe bei einem weiteren Vergehen zu einem Zeitpunkt folgen würde, der nicht annähernd so bedeutend für die USA ist wie das anstehende Achtelfinale. Balogun (AS Monaco) ist mit drei Toren der erfolgreichste Angreifer der USA.
Belgiens Trainer dachte erst an Aprilscherz
Dementsprechend erstaunt reagierten die Belgier, die sich in einem Statement des Verbandes zu Wort meldeten und Konsequenzen nicht ausgeschlossen haben. "Wir verteidigen nicht Belgien, wir verteidigen den Fußball. Das ist das erste Mal in der WM-Geschichte, dass so eine Entscheidung getroffen wird", sagte Belgiens Trainer Rudi Garcia, der rund 30 Stunden vor Anpfiff noch einmal seine Spielvorbereitung überarbeiten musste.
Garcia konnte es zunächst nicht glauben. "Ich wusste nicht, dass der 5. Juli bei der WM wie der 1. April ist. Es klingt wie ein schlechter Scherz", sagte der Trainer. Von den US-Fußballern, die die Entscheidung selbstredend begrüßten, war zu vernehmen, dass mancher die Nachricht zunächst für einen von künstlicher Intelligenz erstellten Fake hielten.
Als die Journalisten bei der belgischen Pressekonferenz wieder und wieder nachfragten, entgegnete der Cheftrainer aus Frankreich irgendwann: "Verschwendet nicht Eure Zeit. Ich bin der Trainer, Thibaut (Courtois) ist der Spieler. Stellt uns dazu Fragen." Courtois beschränkte sich darauf, über die sportlichen Aspekte zu sprechen und lobte das US-Team für dessen starke Offensive.
Ittrich: "Ist in Teilen unerträglich"
Dass Balogun anstelle des ehemaligen Augsburgers Ricardo Pepi aufläuft, gilt als extrem wahrscheinlich. Daran änderten auch Pochettinos Aussagen nichts. "Vielleicht ist meine Entscheidung auch, Balogun auf die Bank zu setzen. Unsere Stärke ist der ganze Kader", erklärte der Cheftrainer, der nach 2002 für die zweite Viertelfinal-Teilnahme der USA in der WM-Historie sorgen könnte. Einen Grund dafür hätte er nicht, Balogun ist gesetzt.
Es wird spannend zu sehen sein, inwiefern es beim Duell mit den Belgiern um den alternden Mittelfeldspieler Kevin De Bruyne wirklich um den Sport und die WM-Begegnung gehen wird - oder ob der Fall Balogun den Fußball plötzlich überlagert.
Die unerwartete Entscheidung der FIFA samt der Vorwürfe einer politischen Einmischung aus dem Weißen Haus stellen die Integrität des Weltverbandes infrage. "Das ist in Teilen unerträglich, was da passiert", sagte Ittrich.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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