
Auf den letzten Metern ihrer Karriere hatte Franziska Preuß ihren olympischen Alptraum fast schon vergessen. Auch ohne die erhoffte Einzelmedaille bei den Winterspielen ließ sich Deutschlands Sportlerin des Jahres auf der Zielgeraden ausgelassen feiern. Freunde und Familie kamen nach Antholz, um die 31-Jährige zu verabschieden. Dass ihr letzter sportlicher Wunsch unerfüllt blieb und ihre glanzvolle Laufbahn nach sieben Schießfehlern im Massenstart auf Rang 28 endete, hätte Preuß nicht egaler sein können.
"Ich bin jetzt wirklich froh, dass dieses Kapitel geschafft ist. Es war wirklich ein schöner Tag, der perfekte Abschluss", sagte Preuß. Mit einer Krone auf dem Kopf ließ sich die beste deutsche Biathletin der jüngeren Vergangenheit bejubeln, nachdem sie zuvor mit einem Lächeln über die Ziellinie gelaufen war. Eigentlich hatte sich Preuß vorgenommen, in Südtirol Edelmetall in einem Einzelwettbewerb zu holen. Doch dieser Plan misslang und Bronze mit der Mixed-Staffel blieb das einzige Erfolgserlebnis, weil ihr mehrfach in den entscheidenden Situationen die Nerven am Schießstand versagten.
Preuß fehlte zuletzt die "vollkommene Überzeugung"
Es ist ein kleiner Makel einer besonderen Karriere. Als Gesamtweltcupsiegerin und Weltmeisterin in der Verfolgung ging Preuß in den Olympia-Winter und hätte nur zu gerne an diese Erfolge angeknüpft. Doch eine Doppel-Infektion mit Corona und Influenza warf sie im Dezember weit zurück. Es war der Moment, in dem sie entschied, dass es Zeit für einen Schlussstrich ist. Zunächst hatte sie überlegt, noch bis zum Saisonende durchzuziehen, doch ihr wurde klar, dass es reicht und sie nach den Winterspielen keine Rennen mehr bestreiten wird.
"Ich merke es schon länger, dass die vollkommene Überzeugung nicht mehr so da ist", sagte Preuß. "Ich finde, Biathlon verdient mehr. Du musst 100 Prozent diese Passion fühlen, wenn das nicht mehr so ist, muss man es akzeptieren." Deswegen fühle sich die Entscheidung richtig an. "Ich freue mich auf das, was kommt", sagte Preuß, ohne genau zu wissen, was das ist. "Ich habe nicht so viel Pläne gemacht. Es wird eine coole Zeit, weil ich vieles ausprobieren kann."
Weihnachten wird nicht mehr draußen gefeiert
Dazu war lange kaum Zeit. Seit sie im November 2013 in den Weltcup kam, war Biathlon das Leben der Ruhpoldingerin. Viermal war sie bei Olympia, gewann elf WM-Medaillen, musste aber auch unzählige gesundheitliche Rückschläge verkraften. Dass sie nun keine Erkältungen und Infekte mehr fürchten muss, erleichtert besonders. "Meine ganze Familie freut sich, dass wir Weihnachten endlich mal wieder drinnen feiern können und nicht mehr draußen", sagte sie.
Wegen möglicher Ansteckungsgefahren hatte Preuß auf viel verzichtet und oft Kontakte gemieden. "Man hat das gerne gemacht, wenn man dann dafür im Winter gut war. Aber jetzt ist es schön, wenn es anders ist", sagte Preuß, die sich auch auf die Zeit mit ihrem Partner Simon Schempp freut. Seit über zehn Jahren sind beide ein Paar, jetzt können die Ex-Biathleten die Sportler-Rente gemeinsam genießen und ihr Leben neu ausrichten.
Deutsches Biathlon-Team bei Olympia schlecht wie nie
Veränderungen bringt der Rückzug von Preuß auch für das deutsche Team. "Sie ist ein absolutes Vorbild und sie wird uns fehlen", sagte Sportdirektor Felix Bitterling. Dem Deutschen Skiverband geht im Biathlon das Aushängeschild verloren. Diese Lücke zu füllen, wird enorm schwer. "Es ist aber auch eine große Chance für die eine oder andere Junge, aus diesem Schatten herauszutreten und ihre Fußspuren zu hinterlassen", sagte Bitterling.
Angesichts der schlechtesten deutschen Olympia-Bilanz im Biathlon ist jedoch fraglich, wer nun Siege einfahren soll. Mixed-Bronze war die einzige Medaille in elf Rennen. Seit Frauen und Männer 1992 bei Olympia gemeinsam antreten, hatte es zuvor immer mindestens zwei Medaillen gegeben. Zwar reichte es auch zu vier vierten Plätzen und außerdem mehreren Top-Ten-Resultaten, doch der Erfolg bei den Winterspielen wird in Edelmetall gemessen.
"Ich kann zwar sagen, das ist jetzt bitter, aber ich muss auch klar sagen: Der andere war dann besser", sagte Bitterling. "Und das ist eine Sache, die stinkt uns und da müssen wir einfach analysieren, woran das gelegen hat."
"Psychoterror" in den sozialen Netzwerken
Preuß hingegen wird nichts mehr analysieren. Die vergangenen beiden Wochen waren anstrengend, auch weil sie nach ihren unerklärlichen Aussetzern viele Hasskommentare in den sozialen Netzwerken bekam, vor allem nach der verkorksten Frauenstaffel. Sie selbst weinte nach ihrer Strafrunde und Platz vier bitterlich. Anschließend sprach sie von "Psychoterror, den man da durchmacht" - und davon, dass man sich Kommentare unterhalb der Gürtellinie gefallen lassen müsse.
"Dass man das alles so erleben muss, das ist mir keine Medaille wert. Man ist ja immer noch ein Mensch", sagte Preuß zu Beleidigungen. "Ich habe weder was Kriminelles gemacht noch irgendwen umgebracht. Es ist einfach nur Sport."
Und zumindest diesen wird Preuß dann doch vermissen. "Der Moment, wenn man über die Ziellinie fährt, ist immer schön. Egal, ob es ein Scheiß-Rennen war oder ein gutes", sagte Preuß. Sorgen um die Zukunft des deutschen Biathlons macht sie sich keine: "Wir haben gute junge Mädels im Team, die werden das rocken in Zukunft, da bin ich mir sicher."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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