
Fälle von Mobbing, Diskriminierung und Gewalt an Berliner Schulen haben immer wieder bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Schon vor zwei Jahrzehnten galt die Rütli-Schule in Neukölln weit über die Landesgrenzen hinaus als Paradebeispiel gescheiterter Bildungspolitik - Lehrkräfte berichteten von einem Klima der Angst im Klassenzimmer.
Erst im vergangenen Jahr geriet eine Schule in Berlin-Moabit in den Fokus der Aufmerksamkeit. Dort hatte sich eine pädagogische Unterrichtshilfe über wiederholtes monatelanges Mobbing wegen seiner Homosexualität beklagt, bei der Schulleitung und der Bildungsverwaltung aber wenig Gehör gefunden.
Sind das nur Einzelfälle? Wie weit verbreitet Gewalt, Mobbing, Bedrohungen und Diskriminierungen an Berliner Schulen sind, soll eine neue Studie zeigen. Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) will die Ergebnisse am Montag vorstellen. Mit dem Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer legt Berlin als erstes Bundesland eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung zu dem Thema vor, teilte die Bildungsverwaltung mit.
Von einer "Terrorschule" war die Rede, als frustrierte Lehrkräfte im März 2006 einen dramatischen Brandbrief an den Senat schrieben und auf aus ihrer Sicht unhaltbare Zustände an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln hinwiesen. "In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten", schilderten sie ihre Erfahrungen.
Nur noch mit einem Handy würden sie sich in die Klassenräume trauen - um notfalls Hilfe zu rufen, schlugen die Pädagogen Alarm. Damals war Rütli eine reine Hauptschule mit sehr hohem Migrantenanteil. Anschließend wurde sie mit der benachbarten Grund- und Realschule zusammengelegt. Mit viel Geld und neuen pädagogischen Konzepten gelang es dem neuen "Campus Rütli" das alte Image loszuwerden - manche sprachen wenige Jahre später von einem Vorzeigeprojekt.
Hilferuf von Lehrkräften
An die Rütli-Schule zu ihren schlimmsten Zeiten fühlten sich viele in Berlin erinnert, als das Kollegium der Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau einen Hilferuf absetzte. Im November 2024 berichteten die Lehrkräfte ebenfalls in einem "Brandbrief" über zahlreiche Probleme mit aggressiven, gewaltbereiten und bildungsfernen Schülern, die zum Teil zuvor noch nie eine Schule besucht hätten und kaum Deutsch sprechen könnten.
In dem Schreiben war die Rede von "massiven Verhaltensauffälligkeiten und ungebührlichem, asozialen Unterrichtsverhalten". Es gebe eine "bedrohliche Gewaltbereitschaft und verbale Übergriffe" vor allem der männlichen Schüler. Die Schule müsse zunehmend die Polizei rufen, um bei eskalierenden Situationen etwa nach Schulschluss vor dem Schulgebäude einzugreifen.
Die größte Angst vieler Schüler und Schülerinnen sei, beim Toilettenbesuch "in kompromittierenden Situationen" von anderen Schülern mit eigentlich verbotenen Handys an der Trennwand vorbei fotografiert oder gefilmt zu werden.
Der Berliner Schulpolitik stellten die Lehrkräfte ein desaströses Zeugnis aus: Problematische Schüler könnten weder sitzenbleiben noch von der Schule verwiesen werden. In den 9. und 10. Klassen dürften keine Tadel und Verweise auf dem Zeugnis stehen. Auf dem Abschlusszeugnis dürften nicht einmal Fehlzeiten aufgelistet werden.
Dem siebenseitigen Brandbrief beigefügt war eine Tabelle: Danach hatten sich in den ersten zwei Monaten nach den Sommerferien bis Anfang November 489 unentschuldigte Fehltage der Schüler angehäuft. Und 517 Mal wurde ein Schüler oder eine Schülerin während des Unterrichts zu einem der Sozialpädagogen geschickt. Fast zwei Jahrzehnte nach der bundesweiten Diskussion über die Zustände an der Rütli-Schule hatten viele in Berlin ein Déja-vu-Erlebnis. Die Bildungsverwaltung sagte Unterstützung zu.
Schwuler Lehrer kritisiert Mobbing - nicht nur von Schülern
Für viel Empörung und breite Aufmerksamkeit sorgte im vergangenen Jahr auch der Fall von Oziel Inácio-Stech, der damals an der Carl-Bolle-Grundschule in Moabit beschäftigt war. Aus Verzweiflung, mit seinem Anliegen nicht gehört zu werden, wandte er sich an die Medien und berichtete, von Schülern aus muslimischen Familien immer wieder beschimpft, beleidigt und gemobbt worden zu sein - weil er schwul ist.
Gleichzeitig kritisierte er Mobbing und falsche Vorwürfe durch eine Kollegin, die sogar in eine Anzeige gegen ihn mündeten. Schulleitung und Schulaufsicht hätten ihn nicht geschützt, obwohl er dort wiederholt um Hilfe gebeten habe, sagte er - und sprach in dem Zusammenhang von einem "kompletten Systemversagen". Der Pädagoge litt nach den Vorfällen nach eigenen Angaben unter anderem an Panikattacken und wurde krankgeschrieben.
Bildungssenatorin Günther-Wünsch hatte zu den Vorgängen zunächst mehrfach erklärt, es handele sich um einen "komplexen Sachverhalt" und behauptet, es sei ein Fall, der von gegenseitigen Mobbing- und Diskriminierungsvorwürfen, von gegenseitigem Fehlverhalten oder Vorwürfen des Fehlverhaltens gekennzeichnet sei.
Erst Ende April dieses Jahres entschuldigte sie sich bei Inácio-Stech - ausdrücklich auch dafür, dass schulintern gegen ihn ermittelt worden sei, selbst als die Staatsanwaltschaft längst keinen Anlass mehr dafür gesehen habe. Gewalt, Bedrohungen, Mobbing - ist das alles typisch für Berlin? Die neue Studie, die unter anderem auf umfangreichen Befragungen von Schülern und Lehrkräften basiert, soll darauf Antworten geben.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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