
Kein Autolärm, keine Stimmen. Nur das gelegentliche Platschen der Pose - also des Schwimmkörpers an der Angelschnur. Für Mirjam Renk ist genau diese Stille der Grund, warum sie Angeln geht. Über einen Fang freue sie sich natürlich auch, erzählt die 49-Jährige aus Birkenwerder nördlich von Berlin. Zu ihrem Hobby kam Mirjam Renk gemeinsam mit ihrem Mann. Beide kannten es aus der Kindheit, probierten es vor ein paar Jahren an einem Angelteich wieder aus – und blieben dabei.
Tendenz bei Frauen steigt
Angeln galt lange als Männerdomäne. Doch das ändert sich. "Generell ist die Tendenz bei Frauen, die angeln, steigend", sagt Marcel Weichenhan, Sprecher des Landesanglerverbandes Brandenburg. Waren im Jahr 2015 noch rund 6.000 der etwa 80.000 Mitglieder weiblich, stieg die Zahl der Anglerinnen bis 2025 auf rund 9.800 - von insgesamt rund 98.000 Mitgliedern. Zum Verband gehören sowohl Angelvereine aus Berlin als auch aus Brandenburg.
Auch die Buchautorin Eva Eckinger ("Die Anglerin. Warum Frauen angeln sollten", 2018) beobachtet diesen Wandel. "Ich angle seit frühesten Kindertagen – und über eine sehr lange Zeit hinweg traf ich keine einzige angelnde Frau", sagt sie. "Immer mehr Frauen sind heute in den Vereinen sichtbar und aktiv", sagt die Anglerin, die 2015 zur ersten Fischerkönigin ihres Vereins in Vilsbiburg (Bayern) gekürt wurde. Mit diesem Titel sei sie inzwischen auch nicht mehr die einzige Frau im Verein. Die sozialen Medien dürften zum Trend beitragen: Angel-Influencerinnen wie zum Beispiel Claudia Darga, Angel Anni oder Babs Kijewski begeistern zum Teil hunderttausende Fans.
Mit Angelschein sind auch Raubfische erlaubt
Den Angelschein machte erst ihr Mann, ein Jahr später folgte sie, erzählt die Brandenburgerin Mirjam Renk. Nicht aus Ehrgeiz, sondern aus pragmatischen Gründen: mehr Gewässer, die zum Angeln zur Verfügung stehen, mehr Sicherheit bei Kontrollen, mehr Wissen. "In Brandenburg kann man ohne Angelschein angeln, allerdings nur auf Friedfisch", erklärt sie. Mit dem Schein könne sie nun auch Hechte, Barsche oder andere Raubfische fangen.
Angeln ist für sie kein Wettbewerb. "Der Fang ist schön", sagt sie, "aber das Drumherum ist eigentlich das Wichtigste." Ihr Lieblingsfisch ist der Barsch, "weil er so witzig aussieht". Ansonsten freut sie sich über das, was anbeißt: Rotaugen, Rotfedern, Brassen. Was zu klein ist, schwimmt zurück. Was groß genug ist, wird verwertet. Ihr spektakulärster Fisch: ein kapitaler Aal. "Leider ist er beim Drill kurz vor dem Ufer wieder abgesprungen. Dem hänge ich wirklich immer noch ein wenig nach", erzählt die Anglerin.
Angeln als Gegenpol zum Alltag
Mirjam kümmert sich gemeinsam mit ihrem Mann um ihren zwölfjährigen Sohn, der schwerbehindert ist. Der Pflegealltag ist fordernd, die Verantwortung hoch, spontane Auszeiten sind selten. Genau deshalb sei das Angeln für sie so wichtig geworden. Am Wasser gelingt etwas, das sonst kaum möglich ist: Abschalten. "Man sitzt da, guckt aufs Wasser, hört die Vögel, sieht vielleicht einen Biber oder eine Ringelnatter", erzählt sie. "Das ist wie Seelenbalsam."
Ähnlich beschreibt Eva Eckinger ihre eigene Beziehung zum Angeln. "Ich atme durch, konzentriere mich nur auf diese eine Sache – ohne Ablenkung. Das ist im stressigen Alltag ein Geschenk."
Frauen am Wasser – früher da, heute sichtbarer
Bei ihren Recherchen für das Buch habe sie überrascht, wie lange Frauen schon angeln – ohne wahrgenommen zu werden, sagt Eckinger. "Frauen haben auch in längst vergangenen Zeiten geangelt, sie wurden nur nicht gesehen." Selbst das Fliegenfischen sei von einer Frau erfunden worden. "Gehört hat man von ihr allerdings kaum." Das zeige: "Auch in uns Frauen ist das Anglergen verankert – und keine moderne Erfindung der Emanzipation."
Andererseits hätten sich zur Zeit ihrer Recherche die Erfahrungen vieler Anglerinnen gedeckt. "Die meisten erzählten von unangenehmen oder spöttischen Bemerkungen durch die männlichen Kollegen", so die Autorin. Auch hier habe sich inzwischen sehr viel getan. "Man wird deutlich ernster genommen, als noch vor 15 Jahren", erklärt sie. In Skandinavien, wo sie ebenfalls viel fische, sei man da schon viel weiter als in Deutschland.
Intuition statt Hightech
Am Wasser erlebt Mirjam Renk selten, dass ihr Frausein eine Rolle spielt. Offene Vorurteile sind ihr kaum begegnet. Einmal allerdings wurde ihr Erfolg von anderen durchaus aufmerksam beobachtet. Neben ihr angelten Männer mit Boot, ausgefeilter Technik und perfekter Ausrüstung – fingen aber nichts. Mirjam hingegen zog einen Fisch nach dem anderen an Land. "Ich mache viel instinktiv", sagt sie. "Ich gucke, probiere aus."
Frauen unter sich
Über die Facebook-Gruppe "Frauen mit Biss gehen angeln" kam die Hobby-Anglerin erstmals bewusst mit anderen angelnden Frauen in Kontakt. Aus Neugier meldete sie sich an. Vor allem nach Jahren, in denen sich ihr soziales Leben durch die Pflege ihres Sohnes eingeschränkt war, sei die Gruppe ein Schritt nach außen. Sie liest meist mit, beteiligt sich wenig, findet die Idee aber wichtig. "Vielleicht lernt man jemanden aus der Nähe kennen, tauscht sich aus, geht mal zusammen ans Wasser", hofft sie.
Die 51-jährige Anja Habermann hat die Gruppe im vergangenen Oktober gegründet, bundesweit sind dort bereits rund 1.200 Anglerinnen vernetzt. "Viele Frauen melden sich bei uns an, weil sie nicht allein angeln gehen wollen oder schlechte Erfahrungen gemacht haben", sagt die Leipzigerin, die bereits seit der Kindheit angelt. Allein Angeln werde für viele Frauen schnell kompliziert. Zwischen Angst an abgelegenen Stellen und Dauerquatschen an vollen Plätzen bleibe oft wenig Entspannung, so ihre Erfahrung. In Frauengruppen, die sich durch das Netzwerk bereits gebildet hätten, sei das Angeln viel leichter und entspannter.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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